Gedichteforum für deutschsprachige Lyrik und Gedichte
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Archimedes
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Gedichteforum -> Standorte
Flam

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BeitragBeitrag #1 vom 17.06.2022, 19:25  Titel: Archimedes  

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Was es werden sollte: Eines von 5 Dramen zu je 4 Strophen für die Einreichung beim Feldkircher Lyrikpreis zu dem Thema "auf der Seite nur die Kontur eines Kreises"

Was es wurde: einsam und uneingereicht

Jetzt ist es hier.


Archimedes

Im äußersten Süden vom Isthmus,
in Annalen der Ew'gen Stadt siehst Du's,
eroberte Rom
mit brutalem Pogrom
Syrakus auf Sizilien
so um zweihundertdreizehn vor Christus.

Es lebte zu selbigen Zeiten
in der Sonne der dortigen Breiten
Archimedes der Weise
und schon etwas greise
Architekt und begnadeter Rechner,
bekannt in fast sämtlichen Weiten.

Ihn wollte Marcellus erlangen,
um für Rom sein Genie einzufangen.
Doch der Soldat, der ihn fand,
hat ihn gar nicht erkannt,
und ließ Archimedes per Pedes
mit 'nem Streich seines Schwertes zum Orcus gelangen.

Vom Tagwerk des sehr großen Geistes
blieb statt 'nes konkreten Beweises
auf Papierseiten nur
leidgeprüft die Kontur
eines schmerzhaft gebeutelten Kreises.

_________________
Leben und leben lassen.
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...und manchmal einfach schreiben sein lassen!
Daunen-Granit-Hybrid
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Brigitte

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Beiträge: 1004
Wohnort: Kaernten
BeitragBeitrag #2 vom 20.06.2022, 14:47  Titel: Re: Archimedes  

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Flam meint dazu:
Was es werden sollte: Eines von 5 Dramen zu je 4 Strophen für die Einreichung beim Feldkircher Lyrikpreis zu dem Thema "auf der Seite nur die Kontur eines Kreises"

Was es wurde: einsam und uneingereicht

Jetzt ist es hier.


Archimedes

Im äußersten Süden vom Isthmus,
in Annalen der Ew'gen Stadt siehst Du's,
eroberte Rom
mit brutalem Pogrom
Syrakus auf Sizilien
so um zweihundertdreizehn vor Christus.

Es lebte zu selbigen Zeiten
in der Sonne der dortigen Breiten
Archimedes der Weise
und schon etwas greise
Architekt und begnadeter Rechner,
bekannt in fast sämtlichen Weiten.

Ihn wollte Marcellus erlangen,
um für Rom sein Genie einzufangen.
Doch der Soldat, der ihn fand,
hat ihn gar nicht erkannt,
und ließ Archimedes per Pedes
mit 'nem Streich seines Schwertes zum Orcus gelangen.

Vom Tagwerk des sehr großen Geistes
blieb statt 'nes konkreten Beweises
auf Papierseiten nur
leidgeprüft die Kontur
eines schmerzhaft gebeutelten Kreises.


Hallo Flam,

Du hast Dir sehr viel Mühe gegeben,
das Gedicht ist hochintelligent,
aber gewonnen hat wer anderer mit einem einfachen Text.

Die vierköpfige Jury des Feldkircher Lyrikpreises hat ausdrücklich die "unaufdringliche, reduzierte Sprache" und die "präzisen Momentaufnahmen" hervorgehoben, mit denen die Autorin die Grenzen zwischen Ich und Welt auslotet.

o
(grün / 281° - 294°)

ein pastellfarbener fischcontainer
der los-gelöst im wind
in die bucht hinaustreibt

statt der alten zeichen des heimathafens
auf der seite nur
die kontur eines kreises

* Einloggen, um Links zu sehen


Ich frage, muss man dafür ein Masterstudium an einer Kunstuniversität abgeschlossen haben?
Vielleicht muss man erst studiert haben, dass das Geschriebene anerkannt wird, egal, wie einfach gestrickt es ist?

Danke Dir für Dein Gedicht. Deine Verse sind so eine Art Limericks.
Mir gefällt Dein Gedicht.

Herzliche Grüße
Brigitte
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Flam

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Beiträge: 5
BeitragBeitrag #3 vom 20.06.2022, 19:11  Titel:   

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Lachen

Liebe Brigitte,

ich danke Dir.

Damit Archimedes überhaupt eine Chance hätte haben können zu gewinnen, hätte es zu fünft daherkommen und noch dazu eingereicht werden müssen.
Beide Grundvoraussetzungen waren nicht gegeben.
Und ich bin sicher, selbst dann hätte ich bei Weitem nicht den Geschmack der Jury getroffen. Das ist okay.
Archimedes ist froh hier gerettet worden zu sein.

Archimedes ist, glaube ich, weit weniger verschlüsselt und intelligent als das hier wiedergegebene Gewinner-Gedicht. Ich vermute aber, die Auslotung zwischen Ich und Welt kann die Jury nur aus den vier anderen Begleitergedichten geschlossen haben.
Sonst wäre diese Aussage ein ausgemachter Schmarrn, was ich nicht vermute.
Sehr froh!

Und was das Masterstudium anbelangt, das dürften die wenigsten Dichter aufweisen können. Und wenn, dann ist die Minderzahl darunter in der Lage dieses in Germanistik ihr Eigen zu nennen. Ich habe gar keines und vermisse es auch nicht sonderlich, wenn ich die Ergebnisse so einschlägiger Bildung an vielen anderen Menschen sehe.

Was aber ein Text ganz unabhängig von der Vorbildung des Autors für lyrische Anerkennung (und nur diese) von anderen mit sich bringen sollte, ist eine Besonderheit oder mehrere, die ihn lesenswert machen und die eine Beeindruckung beim Leser erzeugen.
Je einfacher die Worte hierfür gewählt sind, desto größer muss die Kunst sein, diese zu setzen, damit man das Ziel einen Eindruck zu erzeugen trotzdem noch erreicht.
Diese Kunst ist mir leider nicht gegeben.


Die Form von Archimedes ist an Limericks angelehnt, ja. Zeilenzahl und Metrum sind bei mir "falsch" und nur die erste Strophe weist in der ersten Zeile eine Ortsbezechnung auf, wie der Limerick es fordert, aber es ging mir mehr um die sprachliche Wirkung.
Sie macht das "Drama" ein bisschen erträglicher.


Beste Grüße,
Flam
Smile

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Brigitte

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Beiträge: 1004
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BeitragBeitrag #4 vom 20.06.2022, 20:44  Titel:   

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Hallo Flam,

danke für die ausführliche Antwort. Ich glaube, um einer guten Jury zu gefallen, muss man einen eigenen Stil haben, völlig frei von anderen Dichtern und modern.

Ich kenne die anderen 4 Begleitgedichte des Siegergedichtes nicht und habe sie im Internet bisher nicht gefunden. Ein abgekartetes Spiel ist gar nicht undenkbar in der heutigen Zeit.

Ich zeige Dir hier ein anderes Gedicht, das ich im Internet zufällig gefunden habe. Das ist ebenfalls von einer mehrfach preisgekrönten aktuellen Schriftstellerin, die ein Magister-Studium absolviert hatte und die sogar mit Auszeichnung am Gymnasium maturiert hatte, wie ich aus ihrem Lebenslauf entnahm.

Der Tag geht

Der Fisch friert
der Kopf schwebt
die Sonnen dunkeln
die Zimmer wachen
die Katzen bellen

der Gott glaubt
das Kind fällt

der Tanz hält
der Tag geht

c Angelika Stallhofer



Bei korrekt gesetzter Interpunktion würde das Gedicht so aussehen:

Der Tag geht

Der Fisch friert.
Der Kopf schwebt.
Die Sonnen dunkeln.
Die Zimmer wachen.
Die Katzen bellen.

Der Gott glaubt.
Das Kind fällt.

Der Tanz hält.
Der Tag geht.


Ein sehr interessantes Gedicht mit einer Überraschung und einer Wende, sehr einfache Sätze. Den roten Faden muss man suchen.

Dagegen besteht ja das Feldkircher Siegergedicht aus zwei Sätzen mit je einem Nebensatz. Es ist also wesentlich komplexer aufgebaut. In beiden Hauptsätzen fehlt ABER das Verb! Das muss man sich dazudenken. Und die Interpunktion fehlt ebenfalls. Das ist das Spiel mit der Sprache. Das muss man sich erst einmal getrauen. Wenn ich so etwas lese, denke ich mir "Die Verfasser können nicht einmal richtig Deutsch." So was hör ich auf zu lesen. Wenn ich dann aber herausfinde, dass die Verfasserin auf "Sehr gut" maturierte, dann erst weiß ich, sie würde es auch korrekt können. Über manches verschlüsselte Gedicht habe ich schon nachgedacht, was damit gemeint sein könnte, aber dann ist mir doch zu schade um die Zeitverschwendung, weil ich es ja doch nicht verstehe. Mir sind Gedichte, die man versteht, schon lieber, das schließt aber nicht aus, dass sie intelligent sein dürfen.

Nehmen wir uns das Siegergedicht einmal vor:

Ich sehe einen pastellfarbigen Fischcontainer,
der, los-gelöst im Wind, in die Bucht hinaustreibt.

Statt den alten Zeichen des Heimathafens
ist auf der Seite nur
die Kontur eines Kreises zu sehen.

Das ist nicht einmal ein Gedicht, wenn man genau hinschaut.
Und weiters grammatikalisch:
statt + Genitiv ist korrekt,
aber nicht statt + Genitiv + Genitiv; da ist laut Duden:
statt + Dativ + Genitiv.
statt den alten Zeichen des Heimathafens heißt es.

das Wort "farbenes" findet sich im Duden nicht.

Verhunztes Deutsch ist das, aber kein Gedicht, so sehe ich das.
Und das hat gewonnen, weil keiner so schreibt. Das mag der Grund sein. Das ist ein eigener Stil. Wenn man gewinnen will, muss man verhunzen können. Das ist das Spiel mit der Sprache.

Liebe Grüße
Brigitte
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Flam

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Beiträge: 5
BeitragBeitrag #5 vom 21.06.2022, 19:46  Titel:   

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Brigitte meint dazu:
Hallo Flam,

danke für die ausführliche Antwort. Ich glaube, um einer guten Jury zu gefallen, muss man einen eigenen Stil haben, völlig frei von anderen Dichtern und modern.

Ich kenne die anderen 4 Begleitgedichte des Siegergedichtes nicht und habe sie im Internet bisher nicht gefunden. Ein abgekartetes Spiel ist gar nicht undenkbar in der heutigen Zeit.

Ich zeige Dir hier ein anderes Gedicht, das ich im Internet zufällig gefunden habe. Das ist ebenfalls von einer mehrfach preisgekrönten aktuellen Schriftstellerin, die ein Magister-Studium absolviert hatte und die sogar mit Auszeichnung am Gymnasium maturiert hatte, wie ich aus ihrem Lebenslauf entnahm.

Der Tag geht

Der Fisch friert
der Kopf schwebt
die Sonnen dunkeln
die Zimmer wachen
die Katzen bellen

der Gott glaubt
das Kind fällt

der Tanz hält
der Tag geht

c Angelika Stallhofer



Bei korrekt gesetzter Interpunktion würde das Gedicht so aussehen:

Der Tag geht

Der Fisch friert.
Der Kopf schwebt.
Die Sonnen dunkeln.
Die Zimmer wachen.
Die Katzen bellen.

Der Gott glaubt.
Das Kind fällt.

Der Tanz hält.
Der Tag geht.


Ein sehr interessantes Gedicht mit einer Überraschung und einer Wende, sehr einfache Sätze. Den roten Faden muss man suchen.

Dagegen besteht ja das Feldkircher Siegergedicht aus zwei Sätzen mit je einem Nebensatz. Es ist also wesentlich komplexer aufgebaut. In beiden Hauptsätzen fehlt ABER das Verb! Das muss man sich dazudenken. Und die Interpunktion fehlt ebenfalls. Das ist das Spiel mit der Sprache. Das muss man sich erst einmal getrauen. Wenn ich so etwas lese, denke ich mir "Die Verfasser können nicht einmal richtig Deutsch." So was hör ich auf zu lesen. Wenn ich dann aber herausfinde, dass die Verfasserin auf "Sehr gut" maturierte, dann erst weiß ich, sie würde es auch korrekt können. Über manches verschlüsselte Gedicht habe ich schon nachgedacht, was damit gemeint sein könnte, aber dann ist mir doch zu schade um die Zeitverschwendung, weil ich es ja doch nicht verstehe. Mir sind Gedichte, die man versteht, schon lieber, das schließt aber nicht aus, dass sie intelligent sein dürfen.

Nehmen wir uns das Siegergedicht einmal vor:

Ich sehe einen pastellfarbigen Fischcontainer,
der, los-gelöst im Wind, in die Bucht hinaustreibt.

Statt den alten Zeichen des Heimathafens
ist auf der Seite nur
die Kontur eines Kreises zu sehen.

Das ist nicht einmal ein Gedicht, wenn man genau hinschaut.
Und weiters grammatikalisch:
statt + Genitiv ist korrekt,
aber nicht statt + Genitiv + Genitiv; da ist laut Duden:
statt + Dativ + Genitiv.
statt den alten Zeichen des Heimathafens heißt es.

das Wort "farbenes" findet sich im Duden nicht.

Verhunztes Deutsch ist das, aber kein Gedicht, so sehe ich das.
Und das hat gewonnen, weil keiner so schreibt. Das mag der Grund sein. Das ist ein eigener Stil. Wenn man gewinnen will, muss man verhunzen können. Das ist das Spiel mit der Sprache.

Liebe Grüße
Brigitte
Hallo Brigitte,

wir sollten jetzt berücksichtigen, dass Du aus Kärnten kommst und ich aus dem niederen Rheinland. Und Duden hin Duden her: Der schaut nur dem deutschsprachigen Volk auf's Maul und hält mittels empirischer Erhebungen Regeln fest.
Ich bin absolut dafür so eine Orientierungshilfe zu haben. Aber trotzdem gibt es Varianten der Sprache, die lokalen Koloriten folgend alle nicht falsch sein müssen.

Ich nehme mir die Freiheit meinem Sprachgefühl zu folgen und darauf zu vertrauen, dass auch der Duden bald herausfindet, dass das richtig ist. Oder halt veraltet. Zwinker

Ich finde ockerfarbenen Sand richtig und würde auch den doppelten Genitiv ganz klar bevorzugen. Duden darf anders darüber denken, aber an diesen Stellen wäre ich tatsächlich nicht bereit meine eigene Sprachmeinung zu ändern. Wie gesagt: Duden erhebt nur die aktuellen Regeln. Er macht sie nicht. Du machst sie! Ich mache sie! Diese Regeln in einem Buch zusammenzufassen ist eine fürchterliche Gratwanderung, und ich bin froh da nicht ernsthaft beitragen zu müssen. Gerade heutzutage nicht!
Trotzdem betrachte ich die Ergebnisse gerne kritisch und denke mir manchmal meinen Teil dazu.

Ich empfinde übrigens die "Zeichen des Heimathafens" als begriffliche Einheit, der dann durchaus wieder der Genitiv vorangehen sollte. Der Gebrauch der Fälle kann durch solche inhaltlichen Nuancen bereits erstaunlich unterschiedlich ausfallen.


Gedicht ist ein schwieriger Begriff. Wie definiert sich das für Dich?
Manchem reichen schon Reime. Derjenige hat nicht einmal Unrecht.
Aber reicht das?
Ja, es reicht, aber sie sind kein zwingendes Kriterium.

Metrische Form? Uh, ja, es wird heißer!
Metrum können wir diesem Text der Gewinnerin kaum absprechen.
Und auch wenn da weder ein reiner Jambus, Trochäus, Daktylus oder Anapäst ist, lädt der Text dazu ein "mitzusingen".
Tatsächlich findet sich ein zeilenweiser, unregelmäßiger Wechsel aus Anapäst und Jambus.
Anapäst empfinde ich persönlich als das am schwierigsten zu verwendende Metrum, obwohl der mit ihm verwandte Daktylus das Deutsche mit seinem natürlichem Sprachrhythmus am intensivsten prägt.

Versteh mich nicht falsch! Ich mag den Text auch nicht und würde ihm kein zweites Lesen schenken. Aber ich kann ihm nicht absprechen ein Gedicht zu sein.
Und andere mögen den Text in ihrer verzweifelten Suche nach neuen lyrischen Impulsen offensichtlich so. Das muss ich akzeptieren, ohne dieses Gefühl teilen zu müssen.

Wenn es für Dich nur verhunzte Sprache ist, kann ich auch das gut verstehen und nachvollziehen. Aber ich würde auch diese Meinung und Einschätzung so nicht teilen wollen.

Das andere Beispiel finde ich auch wirklich zum Abgewöhnen.
Aber ein Reim ist drin. :-D
Wem das reicht.....


Beste Grüße,
Flam

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Brigitte

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BeitragBeitrag #6 vom 21.06.2022, 23:08  Titel:   

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Hallo Flam,

danke für die Antwort. Ja, das stimmt, der Genitiv ist in Deutschland gebräuchlicher als in Österreich, aber die Gewinnerin ist eine Österreicherin. Ich wundere mich nur, wieso man viele Jahre studieren muss für so ein einfaches Gedicht, was ein Down-Syndrom-Jugendlicher schon hinkriegen müsste, und der ist immerhin schwerstbehindert. Gute Nacht, Brigitte
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Namazu

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BeitragBeitrag #7 vom 22.06.2022, 22:46  Titel:   

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Mir gefällt Dein Gedicht, Flam, mir gefällt aber auch das Siegergedicht, muss ich sagen.

Bei der Diskussion, was Lyrik ist oder soll, würde ich mich in weiten Zügen Flam anschliessen. Lyrik ist ein Spiel mit der Sprache, mit dem Metrum. Ich finde in dem Zusammenhang Brecht sehr spannend (hat er sich nicht auch mal zu der Frage geäussert? Ich müsste es nachlesen). Wnn man sich dessen Lyrik ansieht, findet man jedenfalls so ziemlich die volle Breite der Möglichkeiten ausgeschöpft.

Unabhängig davon, ob man es lieber einfach oder kompliziert hat: warum sollte ein Jugendlicher mit Down Syndrom nicht fähig sein, Lyrik zu verfassen (ohne den ironischen Unterton, der in Brigittes Kommentar mitschwingt)? Und warum sollte einen ein Studium davon abhalten, zu einer einfachen Form zu finden?

Ich persönlich empfinde eine klare und unverschnörkelte Sprache durchaus schön und nicht unbedingt immer einfach zu finden. Ich selbst schreibe meistens in komplizierten und verschachtelten Strukturen, wenn ich mir noch nicht ganz im Klaren bin, was ich sagen oder ausdrücken möchte, habe ich festgestellt. Man versteckt sich dann gewissermassen hinter dem Geflecht. Das fällt mir besonders bei meinen (und auch zahlreichen anderen) nicht-literarischen Texten auf, von denen ich deutlich mehr produziere und konsumiere.

Schönen Abend
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juergen h.

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BeitragBeitrag #8 vom 25.06.2022, 19:31  Titel:   

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o
(grün / 281° - 294°)

ein pastellfarbener fischcontainer
der los-gelöst im wind
in die bucht hinaustreibt

statt der alten zeichen des heimathafens
auf der seite nur
die kontur eines kreises
(Sarah Rinderer)


Ich liebe solche Gedichte. Für mich sind das Tuschezeichnungen, die immerfeucht sind und niemals eintrocknen. Und nimmt man solches als Leser wahr, rinnt die Tinte je nach Haltung oder Leseerwartung immer unerwartet oder vielleicht wie erwartet in eine unbestimmte oder bereits definierte Richtung. Allein, dafür ist der Leser verantwortlich. Das Leseerlebnis bei Frau Rinderers Gedicht liegt in der Verantwortung des Lesers, der Leserin. Das Leseerlebnis beim Archimedesgedicht ist vom Dichter vorgegeben. Es könnte nur durch außerordentliche sprachliche oder technische Fähigkeiten den Leser packen. Dies vermag es jedoch nicht. Es ist angenehm zu lesen, aber das ist für einen Wettbewerb zu wenig. Das hätte auch schon vor 70 jahren so mittelmäßig dastehen können, und das ist einfach zu wenig. Rinderers Gedicht ist wohl eine Nuance zu einfältig hingehaucht und anspruchslos, als dass man es zu einem Siegergedicht hätte machen können. Es sei denn, die anderen Einreichungen wären noch deutlich schlechter gewesen.

Ein wenig erinnert es mich an Peter Turrinis Gedicht "Wenn du mich anrufst". Wobei Turrinis lyr. Ich normal ausflippt, wie man das von Verliebten kennt, und Frau Rinderer noch mädchenhaft von anderen Rittern oder Rettern als sattsam bekannten 08/15 Märchenprinzen träumt.

Wenn du mich anrufst

Wenn du mich anrufst
läutet das Telefon.
Die Lampe läutet.
Der Ofen läutet.
Das Zimmer läutet.
Die Aussicht vor meinem Fenster läutet.

Es läuten die Glocken der Befreiung
vom Warten.
(Peter Turrini)


Der Tag geht

Der Fisch friert
der Kopf schwebt
die Sonnen dunkeln
die Zimmer wachen
die Katzen bellen

der Gott glaubt
das Kind fällt

der Tanz hält
der Tag geht
(Angelika Stallhofer)


Auch dieses Gedicht finde ich sehr gut. Das abgeklärte Aufzählen seiner sieben Zwetschken ist zwar nicht neu, fasziniert aber immer wieder. Großartig wird es, wenn man z.B. wie Marina Zwetajewa die Elemente so bändigen kann:

BAUT EINER KEIN HAUS –
Spuckt die Erde vor ihm aus.

Baut einer kein Haus –
Wird er nie zur Erde:
Erst Stroh, dann Asche im Herde …

Ich baute kein Haus.

(Marina Zwetajewa)

https://franzmagazine.com/2018/06/18/knapp-schneidend-rhythmisch-provokativ-marina-zwetajewa/
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juergen h.

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BeitragBeitrag #9 vom 27.06.2022, 15:39  Titel:   

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Bitte entschuldigt, dass ich mich noch einmal einbringen will. Auch beim Themenstarter Flam, weil ich im Diskurs an einem von Brigitte eingewobenen Faden anknüpfen möchte und das mit dem eröffneten Thema nur am Rande zu tun hat.

Zum Gedicht "Der Tag geht" von Angelika Stallhofer.

Ich möchte zum Vergleich ein berühmtes Gedicht von Günter Eich heranziehen. Es "zählt die Habseligkeiten des lyrischen Ichs auf" (keinverlag.de).

Die Montotonie des Gedichts "Inventur" von Günter Eich rührt von den Erfahrungen des Dichters im Kriegsgefangenenlager her. Die Germanistik hat es erleichtert und gewissenhaft als Trümmer- und Kahlschlaglyrik katalogisiert.
Zwar war die Dichterin nicht in einem Kriegsgefangenenlager, fühlt sich aber vielleicht ähnlich inhaftiert in der Gegenwart mit Klimakatastrophe und Coronakrise.
Die Verwendung von Anaphern schließt Emotion nicht aus, die Pointe zum Schluss überrascht und ist ein Kunstgriff, der sofort zum Wiederlesen zwingt und dem man im Titel wieder begegnet. Hat man etwas verpasst? Kann bei einer simplen Aufzählung eigentlich nicht der Fall sein. Und trotzdem wurde ich als Leser ausgetrickst. Die Inventur ist nicht materieller Art, es geht um Kurzschlüsse des lyrischen Ichs in der Wahrnehmung der Außenwelt.

Wer 2022 methodisch an Günter Eich's Gedicht von 1948 anknüpfen kann, hat es lyrisch drauf. Wenn das Gedicht dann auch noch formal fehlerfrei daherkommt: 10 Punkte!
Ich deute es als "Lagerkollergedicht", vielleicht entstanden in der Coronakrise, die Dichterin hat das aktuelle Zeitgeschehen verarbeitet und im Gedicht zur Endlosschleife programmiert, aus der es für das lyrische Ich weder materiell noch immateriell derzeit kein Entkommen zu geben scheint.

Im Vergleich dazu das materielle Gedicht von Günter Eich: "Inventur"

INVENTUR

Dies ist meine Mütze,
dies ist mein Mantel,
hier mein Rasierzeug
im Beutel aus Leinen.

Konservenbüchse:
Mein Teller, mein Becher,
ich hab in das Weißblech
den Namen geritzt.

Geritzt hier mit diesem
kostbaren Nagel,
den vor begehrlichen
Augen ich berge.

Im Brotbeutel sind
ein Paar wollene Socken
und einiges, was ich
niemand verrate,

so dient es als Kissen
nachts meinem Kopf.
Die Pappe hier liegt
zwischen mir und der Erde.

Die Bleistiftmine
lieb ich am meisten:
Tags schreibt sie mir Verse,
die nachts ich erdacht.

Dies ist mein Notizbuch,
dies meine Zeltbahn,
dies ist mein Handtuch,
dies ist mein Zwirn.
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Brigitte

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Beiträge: 1004
Wohnort: Kaernten
BeitragBeitrag #10 vom 27.06.2022, 20:30  Titel:   

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Vielen herzlichen Dank, Jürgen,
du kannst es aber sehr gut erklären;
jetzt habe ich Angelika Stallhofers Gedicht durchschaut und nachgebaut:


Der Hund geht

Das Auto fährt.
Der Wald kühlt.
Die Vögel flattern.
Die Tierärzte singen.
Die Rosen duften.

Der Räuber schaut.
Der Nachbar bellt.

Die Leine hält.
Der Hund geht.

© Brigitte
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Namazu

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Beiträge: 178
BeitragBeitrag #11 vom 28.06.2022, 23:12  Titel:   

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juergen h. meint dazu:
Für mich sind das Tuschezeichnungen, die immerfeucht sind und niemals eintrocknen. Und nimmt man solches als Leser wahr, rinnt die Tinte je nach Haltung oder Leseerwartung immer unerwartet oder vielleicht wie erwartet in eine unbestimmte oder bereits definierte Richtung. Allein, dafür ist der Leser verantwortlich. Das Leseerlebnis bei Frau Rinderers Gedicht liegt in der Verantwortung des Lesers, der Leserin.


Das hast Du sehr präzise beschrieben. Ich glaube, ich habe ein Stück weit verlernt, über Lyrik zu schreiben, ich hatte keine Lust, mich damit auseinanderzusetzen, lasse sie nur auf mich wirken, aber eigentlich ist es schade, wenn man sich der Einordnung so ganz entzieht.

Das Gedicht von Stallhofer gefällt mir auch sehr. Was mich dabei besonders anspricht sind die durch die Substantiv/Verb erzeugten Disharmonien, wenn man so sagen kann, die das Bild einer schrägen, verqueren, verzerrten Welt erzeugen - die Katzen bellen, der Gott glaubt usw.

Mit dem fallenden Kind wird dann noch eine gewisse Dramatik aufgebaut, die gleich im nächsten Atemzug wieder in der Belanglosigkeit des grösseren Zusammenhangs aufgelöst, weggewischt wird. ich finde es beeindruckend, wie an mit so wenigen Wörtern so viel sagen und ausdrücken kann.
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