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Das Gestaendnis II
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Gedichteforum -> Toter Winkel
Ralfelinchen

Anmeldedatum: 01.11.2017
Beiträge: 484
BeitragBeitrag #1 vom 12.09.2020, 14:40  Titel: Das Gestaendnis II  

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Das Geständnis II


Nun ja, ich würde mit und ohne eurer Zustimmung meinen: jedes Sächlein zu seiner Zeit. Es gibt eine Zeit des Lachens und eine Zeit der Tränen. Jetzt ist die Zeit der Tränen. Nicht die meiner Tränen, wenn das jemand - irrend - vermuten sollte. Oh nein, es geht um eure Tränen. Ich möchte eure satten Seelen feucht machen, nicht mit reptilen Augenwässerchen, nein, mit dem wirklichen Stoff aus dem das Weh gemacht wird. Die echte Qualität, nicht der schale Ersatz, der euch an jeder Ecke und aus jedem Lügenbildwerfer dutzendweise anwimmert. Auch ich werde Tränen vergießen, es werden Lachtränen über euer Entsetzen sein, jedoch nicht in der guten Absicht, damit die Feuersbrunst dieses Entsetzens zu löschen.

Nein, den dunklen Eimer meiner Belustigung, werde ich mit ihnen überreich füllen. Mein Auge ist ausgeweint, was Schmerz, Trauer und lächerliches Selbstmitleid betrifft. Wer so ist wie ich, macht nur kurz halt, in der Station „zum Selbstmitleid“. Das Vehikel in die Abgründe stoppt nur gezwungener Massen dort, auf der letzten luftigen Anhöhe, wo Wolken noch freundlich den blauen Äther streicheln. Meine Seele ist eine wüste Landschaft und war es von Anfang an, wie ich euch noch eindringlicher und ausführlicher gestehen werde. Es geht gar wüst zu in ihr, ja das tut es. Ihr wisst nicht was es heißt, als eine zur Verkrüppelung verdammte Seele in einem verkrüppelten Körper eingekerkert zu sein. In diesem tiefen Brunnen, mit glatten Wänden zu schmachten. Sich zu sehnen nach Helle, einem freundlichen Wort, einer Berührung. Nichts dergleichen wisst ihr und ich bin euch böse deswegen, weil ihr ignorante selbstgefällige heuchelnde Verzweifler an euch selbst seid. Ich spüre immer noch die Absätze euresgleichen, die sich auf mir zerquetschend drehen. Aber ich wuchs unter diesen Absätzen, weil sie irgendwann abgetreten waren, abgestumpft an der wüsten Schärfe meiner Resistenz. Und merkt euch ihr toupet-tragenden Arroganzen: dafür gibt es keinen Schuster, außer ihr wollt Absätze auf eure nackten Fersen genagelt. Dafür wäre ich sehr wohl zuständig, der Motterle, für Fleisch das bar jeglichen schützenden Leders ist und Blut, das honigsüß schmeckt und mir mundet. Und mich an eurem Blut zu laben, wäre gar passend, sozusagen die Krönung meines Ausfluges an die Überwelt. Es geht mir übrigens vorzüglich in diesem Seelennest, in dem ich wie ein Kuckuck meinen messerscharfen Flaum behutsam ausgebreitet habe. Der Typ merkt nichts, rein gar nichts, was auch damit zu tun hat, dass ich feinstes Seelenspitzengefühl entwickelt habe. Ich bin gut vorbereitet, denn man sagt: gründliche Vorbereitung ist die halbe Tat. Danach muss man sie nur mehr vollbringen, exekutieren, wenn irgendwer das so bezeichnen will. Ich spüre eine gewisse Nervosität in ihm, er ist unsicher, hatte seine lächerlichen Siege bisweilen immer leicht errungen. Menschen manipuliert, zu seinem Vorteil hin und her geschoben, wie billige Figuren auf einem Brett, ohne Regeln. Ich hasse ihn dafür, hab mir seine Seele auch nur deswegen ausgesucht, um seine Demut am Rande der Sache wie einen kleinen Pokal einzuheimsen. Er ist so ein Bold, wie er sein Gesabber in diesem Forum platziert, heischt winselnd nach Beifall und sieht sich seit gestern von einem Moment zum anderen als Verlierer. Der Imperator gibt ihm den verkrüppelten Daumen nach unten, er liegt im Staub der lärmenden Arena, mit den Absätzen der Genies auf seiner eingefallenen Brust, die da warten, mit brillanten Gedankenschwertern, um auszuholen zum vernichtenden Hieb. Nicht einen Daumen, nein mehrere, weil er mehrere Tode sterben soll, was ich köstlich finde. Eitler selbstgefälliger Lacke. Endlich wird die Lächerlichkeit seines strukturlosen Geschreibsels schonungslos zum stinkenden Abfall dessen gesteckt, zu dem es gehört. Jetzt ist er umzingelt von brillanten Rechtschreiberinnen, süffisanten Denkern, talentierten aufgehenden Sternen eines lyrisch poetischen Morgenlandes. Sehr bald wird er bemerken, dass er sich auf Geleisen bewegt, an deren Rändern das Unkraut zusehends immer höher wird, bis am bitteren Ende gar keine Geleise mehr sichtbar sein werden. Das wird auch das Ende seiner Seele sein, beschleunigt noch dazu, durch das Gift, welches er nun täglich zu sich nimmt, dieses verfluchte Seelen-Manuskript. Ich verwünsche es, weil es mein Nest in seiner Seele unnötig gefährdet, es das gierige Machwerk eines Sehenden ist; Sehende sind der Horror für die allgemeine Bosheit und Geschöpfe wie mich. Ich muss mich beeilen mit meinem Geständnis, er darf nicht zu früh aus meinen Krallen in die Dunkelheit versinken, mein Ralf.

Das Entsetzen begann bei meiner Geburt: Niemand konnte auch nur im Traum ahnen, dass ich von der ersten Sekunde an ein bewusstes Wesen sein könnte. Wenngleich ohne die charakteristische Resemblenz von etwas Menschlichem, dennoch mit den klaren Sinnen und scharfen Instinkten eines Raubtieres. Also, sah ich zu allererst das Entsetzen im Gesicht der Hebamme, dieser doppelzüngigen Hure, die noch ein Stunde vor meiner Geburt, ein ungeborenes Wesen in die Hölle gekratzt hatte. Sie wickelte mich ungesäubert in ein grobes Tuch und flüsterte meiner Mutter zu: „Wir sollten es töten, es ist unwertes Leben.“ Unbestreitbar ein guter Beginn. Ich wusste eines: wie immer es jetzt weitergeht, mit ihr werde ich irgendwann einmal abrechnen. Meine Mutter traf die Entscheidung, mich am Leben zu lassen. Typisch Mutter: sie sah nur das Geschäft, dass man mit meinesgleichen auf einem Jahrmarkt machen könnte. Sie sagte es nicht. Aber sie dachte es. Ihre Gedanken waren verschwommen durch die ersten Tränen in meinem Auge, wie auf einer tiefschwarzen Tafel zu lesen. Ich bin müde.
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